Fitness-Training mit Kindern und Jugendlichen

Gesundheitliche Effekte und langfristige Athletenentwicklung

 Die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten im Kinder- und Jugendalter findet hohes Interesse bei Trainern, Sportlehrern und Eltern. Leider wird dabei oft auf veraltetes und überholtes Wissen zurückgegriffen. Dieser Blog-Beitrag gibt einen Überblick über den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand unter besonderer Berücksichtigung des Youth Physical Development Models (YPD-Modell).

 

Die Trainingsgrundsätze für Erwachsene können nicht ohne Weiteres auf die von Kinder- und Jugendlichen übertragen werden. Deshalb wird schon seit vielen Jahrzehnten geforscht, wie das Training der unterschiedlichen motorischen Fähigkeiten (Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Schnelligkeit, Agilität) bei Kindern und Jugendlichen gestaltet werden sollte. Das YPD-Modell (Abbildungen 1 und 2) bietet einen evidenzbasierten Ansatz für die systematische Entwicklung der Fitness vom frühen Kindes- bis zum Erwachsenenalter und gibt Empfehlung, welche Schwerpunkte wann gesetzt werden sollten.

Abbildung 1: Das YPD-Modell für Jungen. PHV 0 = Peakt Height Velocity; FMS = Fudamental Movement Skills; SSS = Sport Specific Skills; MC = Metabolic Conditioning (Llyoyd & Oliver, 2012).

Abbildung 2: Das YPD-Modell für Mädchen. PHV 0 = Peakt Height Velocity; FMS = Fudamental Movement Skills; SSS = Sport Specific Skills; MC = Metabolic Conditioning (Llyoyd & Oliver, 2012).

Die Schriftgröße im Modell zeigt die Wichtigkeit des Trainings der verschiedenen Fähigkeiten in Abhängigkeit des Alters bzw. des Entwicklungsstands. Die hellen farblich hinterlegten Felder beziehen sich auf die vorpubertäre Anpassungsphase, die dunklen farblichen Felder verweisen auf pubertäre Anpassungsphasen. Die Modelle für Mädchen und Jungen unterscheiden sich hinsichtlich der Trainingsschwerpunkte nicht, es kommt nur zu zeitlichen Verschiebungen, da Mädchen bereits früher die Pubertät erreichen als Jungen.

 

Strength & Power

 

Auf den ersten Blick wird deutlich, dass Krafttraining auf jeder Entwicklungsstufe eine hohe Priorität beigemessen werden sollte. Häufig hört man „durch Krafttraining verletzen sich die Kinder an den Wachstumsfugen“ oder „Krafttraining bei Kindern bringt nichts“. Entgegen früherer Annahmen, ist heute allgemein anerkannt, dass beides nicht zutrifft. Das Gegenteil ist der Fall. Viele Studien haben gezeigt, dass Krafttraining in allen Entwicklungsstufen, von der vorpubertären Phase bis ins Erwachsenenalter, zu Kraftzuwächsen führt und dementsprechend auch in allen Phasen trainiert werden sollte. Diese Ansicht wird dadurch gestärkt, dass mit einer Erhöhung der Kraft auch die Schnelligkeit, Beschleunigung, Sprungkraft, Agilität und Ausdauer verbessert werden kann. Aber nicht nur zur Leistungsverbesserung, auch zur Reduzierung der Verletzungsanfälligkeit spielt Krafttraining in allen Entwicklungsphasen eine wichtige Rolle. Es wurde gezeigt, dass ein hohes Pensum an Ausdauertraining verbunden mit wenig Krafttraining das Risiko von Knochenbrüchen bei Kindern stark erhöht. Die National Athletic Trainer’s Association vermutet sogar, dass circa 50 % der Überbelastungsverletzungen bei Kindern und Jugendlichen durch ein geeignetes Krafttraining verhindert werden könnten.

Mit Schnellkrafttraining (Power) lassen sich ebenfalls bereits in der vorpubertären Phase große Leistungszuwächse erzielen. Dementsprechend sollte das Schnellkrafttraining bereits früh in den Trainingsplan integriert werden und bis ins Erwachsenenalter aufrechterhalten werden.

 

FFM, SSS & Mobility

 

Eine vielseitige Bewegungsschulung (Fudamental Movement Skills; FMS) ist die Basis für eine spätere Spezialisierung (Sport Specific Skills; SSS). Kinder sollten ganzheitlich trainieren und sich eine großes Bewegungsrepertoire aneignen, da sich dies später positiv auf die sportartspezifischen Fähigkeiten auswirkt. Jedoch zeigt das Modell auch, dass beide Fähigkeiten, FMS und SSS, auf allen Entwicklungsebenen präsent sind, nur die Anteile verschieben sich im Verlauf.

Obwohl das Training der Beweglichkeit (Mobility) auf keiner Stufe als Schlüsselkomponente gekennzeichnet ist, bedeutet dies nicht, dass das Beweglichkeitstraining vernachlässigt werden sollte. Die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Beweglichkeit sollte essentieller Bestandteil in jedem Trainingsprogramm sein. Der individuelle Umfang, in dem ein Beweglichkeitstraining ausgeführt werden sollte, ist indes verschieden. Während bei unbeweglichen Personen Zusatzeinheiten notwendig sind, reicht es bei anderen, das Mobility-Training im Rahmen des Warm-ups oder Cool-Downs zu integrieren.

 

Speed & Endurance

 

Auch wenn die Schnelligkeit (Speed) in jedem Alter trainierbar ist, scheint es sog. „windows of oppurtunity“ zu geben, Zeitfenster, in denen die Sensitivität für Trainingseffekte am höchsten ist. Findet in diesen Perioden, vor und während der Pubertät, kein Speed-Training statt, kann die maximale Leistungsfähigkeit später nicht mehr erreicht werden. Leider wird das Schnelligkeitstraining im Kinder- und Jugendtraining oft vernachlässigt, während Ausdauer (Endurance) in hohen Umfängen trainiert wird. Das YPD-Modell zeigt allerdings, dass Ausdauertraining auf keiner Entwicklungsstufe von Kindern und Jugendlichen eine hohe Priorität beigemessen wird und erst im Erwachsenenalter verstärkt trainiert werden sollte. Dies erscheint zunächst etwas verwunderlich, da die Ausdauer bereits im Kinder- und Jugendalter stark trainierbar ist und in vielen Sportarten eine wichtige Leistungskomponente darstellt. Diese Annahme stützt sich allerdings darauf, dass die Ausdauer bereits im regulären Trainings- und Spielbetrieb intensiv trainiert wird und auch im Erwachsenenalter sehr hohe Trainingsadaptionen möglich sind. Da Ausdauer und Schnelligkeit konträre Ziele darstellen und Schnelligkeitstraining im Kinder- und Jugendalter besonders effektiv ist, sollte die Ausdauer deshalb nur in reinen Ausdauersportarten bereits im Jugendtraining im Fokus stehen, währenddessen Speed-Training bei allen Spielsportarten intensiv trainiert werden muss. Denn beim Training mit Kindern und Jugendlichen geht es immer um die langfristige Sportlerentwicklung, und nur sekundär um kurzfristige Erfolge!

Auch die Agilität (Wendigkeit; die Fähigkeit schneller Richtungswechsel auszuführen) ist in vielen Sportarten ein leistungsbestimmender Faktor und sollte deshalb in das Schnelligkeitstraining integriert werden.

 

Structure & Competency

Sollte bereits ein 4-jähriges Kind Kreuzheben mit der Langhantel machen? Natürlich nicht! Umso jünger, desto unstrukturierter kann das Training sein. Bei Kindern sollte das gesamte Training spielerisch und ganzheitlich umgesetzt werden, während die Strukturierung im Entwicklungsverlauf immer weiter zunehmen sollte, bis hin zu Periodisierungsmodellen mit genauen Trainingsplänen im Leistungssport.

Die Komponente „Kompetenz des Sportlers“ wurde noch später von den Autoren zum Modell hinzugefügt, ist andererseits sowieso logisch. Je nach der Ausprägung der Kompetenz des Athleten können sich die Trainingsempfehlungen verschieben. Ein 15-jähriges Mädchen, das bisher fast keinen Sport betrieben hat, sollte selbstverständlich zunächst die Basics aufbauen – ihre Trainingsempfehlungen verschieben sich im Model nach links.

 

Fazit  

Dieser Blog-Beitrag bietet einen Überblick, welche motorischen Fähigkeiten im Entwicklungsverlauf wann und in welchem Umfang trainiert werden sollten. Das YPD-Model zeigt, dass Krafttraining in jedem Alter sehr wichtig ist und der Fokus im Kinder- und Jugendtraining viel mehr auf die Schnelligkeit, als wie bisher auf die Ausdauer gelegt werden sollte.

 

Literatur:

Lloyd, R. S., & Oliver, J. L. (2012).

The Youth Physical Development Model: A New Approach to Long-Term Athletic Development. Strength and Conditioning Journal, 34(3), 61–72. doi:10.1519/SSC.0b013e31825760ea

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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